
Die Heilige Odilia und ihre Augenquellen
Auf kein Sinnesorgan ist der Mensch so stark angewiesen wie auf seine Augen. Bei Blindheit und stark eingeschränktem Sehvermögen hängt sein Überleben wesentlich von dem sozialen Kontext ab, in den er eingebunden ist.
Bei Erdmännchen konnte man beobachten, dass ihr Gemeinschaftssinn so stark ausgeprägt ist, dass sie auch blind geborene Junge in ihre Gruppe einbeziehen und für ihr Auskommen sorgen. Im klassischen Altertum wurden Blinde wie Homer oder Teiresias als Seher und Propheten verehrt. Die Herzogstochter Odilia (auch Odilie, Odile oder Ottilie) wurde um 660 hingegen in eine dunkle Zeit geboren, in der Blindheit stigmatisiert und als Strafe Gottes verstanden wurde. Ihr Vater Eticho wollte sie wegen ihres fehlenden Sehvermögens töten lassen, Odilias Mutter Bersinda gelang es aber, ihr Kind in einem Kloster unterzubringen.
Im Alter von zwölf Jahren wurde Odilia von dem Wanderbischof Erhard von Regensburg im Elsass getauft und erlangte der Legende nach durch die Kraft ihres Glaubens und die Benetzung ihrer Augen mit geweihtem Wasser ihr Sehvermögen. Sie kehrte zu ihren Eltern zurück, musste zunächst aber erneut vor ihrem Vater Herzog Eticho fliehen und sich in einer Höhle verbergen. Später versöhnte sie sich mit ihm und er übertrug ihr daraufhin den späteren Odilienberg (Mont Sainte-Odile) im Elsass als Besitz. Dort gründete sie gegen 690 oberhalb der heutigen Source Sainte-Odile (48.434900, 7.403967) ein Frauenkloster, als dessen Äbtissin sie gegen 720 starb.
Obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung früher sehr viel geringer war als heute (für die Steinzeit nimmt man gut 30 Jahr an, für das Mittelalter etwa 40 Jahre) waren Augenkrankheiten weit verbreitet und die Augenheilkunde noch wenig entwickelt. So waren Blindheit und Augenleiden Gebrechen, mit denen zumal Menschen aus dem einfachen Volk sich an höhere Mächte wandten. Zumeist litten die Menschen weniger an Altersdegenerationen des Auges als an Bindehautentzündungen, der in schriftlichen Quellen häufig erwähnten "Triefäugigkeit" (mhd. oeckdroppich, drieffen ougen, augenfiltzig), dem "schiefen Blick" (Schielen) oder dem "blöde Gesicht" (Kurzsichtigkeit). Viele Erkrankungen auch der Augen waren Folge des Rauchs, der in den Behausungen durch das Verfeuern von Holz entstand.
Kloster Hohenburg auf dem Mont Sainte-Odile ist noch heute einer der bekanntesten Wallfahrtsorte in Frankreich und wird besonders häufig von Menschen mit Augenleiden aufgesucht, deren Schutzheilige und Patronin Odilia aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte wurde. Auf Abbildungen erkennt man die Heilige oft an zwei Augen, die sie in einer Schale hält oder die auf den zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches abgebildet sind. Ihre Strahlkraft als Heilige war so groß, dass sie in der orthodoxen Kirche in der Heiligen Paraskeva eine Entsprechung als Schutzpatronin der Augen fand – auch sie wird mit dem bezeichnenden Augenpaar abgebildet. Bis heute findet Odilia an ihrem Todestag, dem 13. Dezember sowohl in der katholischen wie der orthodoxen Kirche ein besonderes Gedenken.
Die frühen Kirchenvertreter führten einen erbitterten doch weithin vergeblichen Kampf gegen die Ritualquelle und -plätze aus vorchristlicher Zeit - galten sie doch als Brutstätten des heidnischen Götzentums. Manche der alten Traditionen ließen sich trotz fortschreitender Christianisierung und drastischer kirchlicher Maßnahmen nicht ausrotten. Es war Papst Gregor der Große, der dies um das Jahr 600 - also rund 120 Jahre vor Odilias Tod - als erster in Worte fasste: Nach langer Überlegung habe er erkannt, dass es besser sei, heidnische Stätten in christliche Kirchen umzuwandeln als sie zu zerstören. Es sei nämlich unmöglich, "diese rohen Gemüter mit einem Schlage von ihren Irrtümern zu reinigen. Wer die Spitze eines Berges erreichen will, steigt nicht in Sprüngen, sondern Schritt für Schritt“.
Dieser Paradigmenwechsel hatte auch Auswirkungen auf die vorchristlichen Ritualquellen. Viele wurden in den nachfolgenden Jahrhunderten durch Widmung an die Heiligen Odilia und andere Heilige christianisiert, mit Kirchen, Kapellen oder auch einfachen christlichen Symbolen versehen. Die Marienverehrung (Frankreichs Ritualquellen, Heilige Brunnen und Heilwässer) folgte erst viele Jahrhunderte später, weshalb unter den Marienquellen weit weniger vorchristliche Ritualquellen zu finden sind als unter den Ottilienquellen. Es gibt Dutzende von ihnen in ganz Europa, in Deutschland unter anderem bei Freiburg (radonhaltiges Wasser, 48.003117, 7.899233), bei Losheim (49.463383, 6.796283), am Jakobsweg in Pfahlenheim (49.558417, 10.122767), bei Paderborn (51.726850, 8.742217) oder in Plochingen (48.709883, 9.4181) – mehr sind auf unserer Quellenkarte unter den Suchbegriffen „Odil“ und „Ottilie“ zu finden.
Manche der in alten Schriften erwähnten Augenbrunnen sind heute versiegt, die Stätten christlicher Symbolik verfallen. Das kann auf sinkende Grundwasserstände zurückzuführen sein, auf natürliche Änderungen im Untergrund oder auf menschliche Eingriffe wie beim historischen Augenbrunnen im österreichischen Lockenhaus. Dort war es die Suche nach Erzen, die die Quelle versiegen ließ. Auch die Quelle an der gut erhaltenen Wallfahrtskriche St. Ottilie in Möschenfeld ist heute versiegt, wunderbare Fresken zeigen uns aber heute noch in lebhaften Bildern das Leben der Heiligen. Andere Quellen landen in Flaschen, wie die Ottilienquelle im Hegau, an der es früher auch einen Badebetrieb gab.
Neben den "Frauenbründln", die bei Frauenleiden und Kinderlosigkeit aufgesucht wurden, und Heilbrunnen, von denen man sich Linderung der unterschiedlichsten Krankheiten von Körper und der Seele versprach, gehören "Augenbründl" noch heute im Volksglauben zu den am häufigsten verehrten Quellen. Allein im Alpenraum und den deutschsprachigen Ländern dürfte es hunderte von ihnen geben. Ihr Wasser wird getrunken und es dient zu Augenwaschungen.
Dabei hat der Begriff des "Augenbrunnens" auch eine hohe symbolische Bedeutung die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Wie im Zusammenhang mit den Heiligen Quellen in Oberösterreich ausgeführt wird, steht das Auswaschen der Augen seit jeher auch für eine spirituelle Reinigung mit der das "innere Auge" geöffnet wird um Zugang zu den höheren Wesen in einer jenseitigen Welt zu finden.
Weiterführende Links
Heiligenlegende: Heilige Ottilie